Wednesday, January 8. 2025
Moral des einfachen Mannes
Wer gegen eine selbstverantwortliche Regelung des Paragraphen 218 ist, wer also Frauen nicht traut, verantwortlich mit ihrem Körper und dem entstehenden Leben umzugehen, wer Frauen dazu zwingen will, Kinder zu bekommen, die sie nicht wollen und zu denen sie nicht bereit sind, vergisst dabei offenbar vollkommen, dass es nach wie vor vornehmlich besagte Frauen sind, die diese Kinder dann aufziehen sollen. Wer also den Frauen nicht traut, dass sie verantwortlich bezüglich möglicher Schwangerschaftsabbrüche handeln, kann ihnen doch erst recht nicht trauen, dass sie die Kinder liebevoll behandeln und zu guten und demokratischen Menschen erziehen. Das scheint diesen Kritikern von Frauenverantwortung gar nicht klar zu sein, denn was ist schlimmer, der frühe Abbruch oder eine Kindheit und Jugend als ungewolltes Kind?
(C) 8.1.25
(C) 8.1.25
Wednesday, July 10. 2024
Beschworen
Oder: Wie, wann und weshalb, ach, und wo vielleicht noch
Wenn ich beim Schreiben, statt zu schreiben, vor mich hin schaue, weil ich über etwas nachsinne, was ich gerade Interessantes online gelesen habe, und eine sehr kleine Fliege sich genau dann auf meine Tastatur setzt, wenn ich wieder zu schreiben beginnen will, und mich durch ihre bloße Existenz daran hindert, das zu tun, was ich möchte, gerate ich in einen Konflikt, weil ich plötzlich den Gedanken nicht loslassen kann, dass diese Fliege, dieses winzige Leben, das Recht auf letzteres hat, nicht nur, weil sie vielleicht die Reinkarnation des Autors ist, dessen uralte Schreibe gerade wenige Minuten zuvor mein Interesse geweckt hat, sodass ich intensiv über die seinen Geist erfüllenden Inhalte nachgedacht habe. Der Konflikt wiederum ist nicht etwa dergestalt, dass ich die Fliege verscheuchen oder gar töten möchte, es ist vielmehr ein Staunen darüber, welche Vielfalt ihre Miniaturflügel repräsentieren, weshalb ich plötzlich der Meinung bin, dass alles, was ich je in diese Tatstatur, die hier vor mir liegt, hineinhämmern könnte, niemals von solcher Bedeutung sein könnte und zugleich vollkommen bedeutungslos im Weltgeschehen wie diese Fliege, sodass ich am Ende nichts mehr zu schreiben weiß.
Wenn ich beim Schreiben, statt zu schreiben, vor mich hin schaue, weil ich über etwas nachsinne, was ich gerade Interessantes online gelesen habe, und eine sehr kleine Fliege sich genau dann auf meine Tastatur setzt, wenn ich wieder zu schreiben beginnen will, und mich durch ihre bloße Existenz daran hindert, das zu tun, was ich möchte, gerate ich in einen Konflikt, weil ich plötzlich den Gedanken nicht loslassen kann, dass diese Fliege, dieses winzige Leben, das Recht auf letzteres hat, nicht nur, weil sie vielleicht die Reinkarnation des Autors ist, dessen uralte Schreibe gerade wenige Minuten zuvor mein Interesse geweckt hat, sodass ich intensiv über die seinen Geist erfüllenden Inhalte nachgedacht habe. Der Konflikt wiederum ist nicht etwa dergestalt, dass ich die Fliege verscheuchen oder gar töten möchte, es ist vielmehr ein Staunen darüber, welche Vielfalt ihre Miniaturflügel repräsentieren, weshalb ich plötzlich der Meinung bin, dass alles, was ich je in diese Tatstatur, die hier vor mir liegt, hineinhämmern könnte, niemals von solcher Bedeutung sein könnte und zugleich vollkommen bedeutungslos im Weltgeschehen wie diese Fliege, sodass ich am Ende nichts mehr zu schreiben weiß.
Saturday, December 2. 2023
Um damit ins Gras zu beißen
Oder: Was man aus der Vergänglichkeit eher als aus der Vergangenheit lernen kann
Mein Vater verlor Anfang der 1990er eine Krone, sie fiel ihm buchstäblich nicht vom Kopf, sondern aus dem Mund. Das geschah in der Schweiz, wo mein Vater, ein leidenschaftlicher Kletterer, in jenem Sommer Urlaub machte. Um diesen nicht verkürzen zu müssen, begab er sich zu einem Zahnarzt, der freundlich aber bestimmt 100 Schweizer Franken verlangte, damals sogar noch mehr als 100 D-Mark. Zugegebenermaßen war er kein Halsabschneider, dieser Zahnarzt, denn er erwähnte beiläufig, dass ein Kleber in Apotheken erhältlich sei, falls er, also mein Vater, selbst Hand anlegen wolle. Er empfehle dies aber nicht, da nur ein Facharzt wie er dafür sorgen könne, dass der Zahn noch bis an sein Lebensende, also das meines Vaters, halten möge. Leidvoll kann ich berichten, dass mein Vater vom Zahnarztstuhl aufstand und sich schnurstracks auf den Weg zur nächsten Apotheke machte, wo er für ein Zehntel der Kosten einen Kleber erwarb und sich vom Apotheker noch völlig kostenlos einen Spiegel vorhalten ließ, woraufhin er die Krone bombenfest verklebte. Er bestieg noch einen Dreitausender damit und war rundum zufrieden. Leidvoll berichte ich deshalb, weil die Festigkeit der Krone tatsächlich, entgegen des Urteils des Zahnarztes, auch ohne Facharzt bis zum Lebensende meines Vaters hielt, der, noch keine Siebzig, zwei Winter später verstarb. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen, einfach so. Aber eines weiß ich genau, dass er sich nämlich, so war er nun mal, garantiert tot geärgert hätte, wenn er das gewusst und tatsächlich die 100 Franken gezahlt hätte.
(c) 2023
Mit ergebenstem Dank an die
Genialität von Heinz Erhardt:
Bin nicht mal er...
Mein Vater verlor Anfang der 1990er eine Krone, sie fiel ihm buchstäblich nicht vom Kopf, sondern aus dem Mund. Das geschah in der Schweiz, wo mein Vater, ein leidenschaftlicher Kletterer, in jenem Sommer Urlaub machte. Um diesen nicht verkürzen zu müssen, begab er sich zu einem Zahnarzt, der freundlich aber bestimmt 100 Schweizer Franken verlangte, damals sogar noch mehr als 100 D-Mark. Zugegebenermaßen war er kein Halsabschneider, dieser Zahnarzt, denn er erwähnte beiläufig, dass ein Kleber in Apotheken erhältlich sei, falls er, also mein Vater, selbst Hand anlegen wolle. Er empfehle dies aber nicht, da nur ein Facharzt wie er dafür sorgen könne, dass der Zahn noch bis an sein Lebensende, also das meines Vaters, halten möge. Leidvoll kann ich berichten, dass mein Vater vom Zahnarztstuhl aufstand und sich schnurstracks auf den Weg zur nächsten Apotheke machte, wo er für ein Zehntel der Kosten einen Kleber erwarb und sich vom Apotheker noch völlig kostenlos einen Spiegel vorhalten ließ, woraufhin er die Krone bombenfest verklebte. Er bestieg noch einen Dreitausender damit und war rundum zufrieden. Leidvoll berichte ich deshalb, weil die Festigkeit der Krone tatsächlich, entgegen des Urteils des Zahnarztes, auch ohne Facharzt bis zum Lebensende meines Vaters hielt, der, noch keine Siebzig, zwei Winter später verstarb. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen, einfach so. Aber eines weiß ich genau, dass er sich nämlich, so war er nun mal, garantiert tot geärgert hätte, wenn er das gewusst und tatsächlich die 100 Franken gezahlt hätte.
(c) 2023
Mit ergebenstem Dank an die
Genialität von Heinz Erhardt:
Bin nicht mal er...
Friday, August 25. 2023
Kein Witz
Oder: Ein X für ein U?
Bei einem privaten Träger der sozialen Arbeit wurde nach Übernahme ein neuer Verwaltungsmitarbeiter eingestellt. Er war noch keine zwei Tage da und wusste schon alles, was im Betrieb vor sich geht. Zumindest war er wohl davon überzeugt, denn als ich wegen einer Unterschrift der Geschäftsführung an seinem Büro vorbeikam, dessen Tür offen, erwiderte er meinen freundlichen Gruß nicht. Ich war aber nur mäßig irritiert, hatten wir ihn doch erst für die nächste Woche zum Gespräch eingeladen.
Für einen Moment wurde ich im Flur aufgehalten, weil zwei Kollegen von der Pflege mit einem Wägelchen vollgepackt mit Hilfsmitteln vorbeikamen. Wir tauschten Grüße aus, und einer von ihnen grinste: Na? Ich zwinkerte ihnen zu und, während ich die beiden passieren ließ, warf ich ein zerknülltes Papiertaschentuch in den Mülleimer, den der Neue gegen die Türzarge seines Büros, halb in dem Flur geschoben hatte. Als ich meinen Weg fortsetzen wollte, schrie es aus dem Büro des Neuen: HALT! Ich drehte mich um und sah ihn mit krebsrotem Gesicht hinter seinem Schreibtisch sitzen. Fragend schaute ich ihn an, da kommandierte er auch schon: Sofort wieder rausnehmen! Ich war so verwundert, dass ich ihn ungläubig fragte: Ich soll das Taschentuch... Weiter kam ich nicht. Das ist MEIN Mülleimer! brüllte er.
Wie bitte? Ich schüttelte den Kopf und ging weiter, während er mir noch einige Weisheiten nachrief, die ich nicht erinnere, weil ich das weitere Gebrüll ignorierte. Jemand musste ihm bereits gesteckt haben, dass ich im "bösen" Betriebsrat war. Die Einladung, die wir im schickten, war dann ja wohl für die Katz. Manche Leute kapieren wirklich gar nichts.
Bei einem privaten Träger der sozialen Arbeit wurde nach Übernahme ein neuer Verwaltungsmitarbeiter eingestellt. Er war noch keine zwei Tage da und wusste schon alles, was im Betrieb vor sich geht. Zumindest war er wohl davon überzeugt, denn als ich wegen einer Unterschrift der Geschäftsführung an seinem Büro vorbeikam, dessen Tür offen, erwiderte er meinen freundlichen Gruß nicht. Ich war aber nur mäßig irritiert, hatten wir ihn doch erst für die nächste Woche zum Gespräch eingeladen.
Für einen Moment wurde ich im Flur aufgehalten, weil zwei Kollegen von der Pflege mit einem Wägelchen vollgepackt mit Hilfsmitteln vorbeikamen. Wir tauschten Grüße aus, und einer von ihnen grinste: Na? Ich zwinkerte ihnen zu und, während ich die beiden passieren ließ, warf ich ein zerknülltes Papiertaschentuch in den Mülleimer, den der Neue gegen die Türzarge seines Büros, halb in dem Flur geschoben hatte. Als ich meinen Weg fortsetzen wollte, schrie es aus dem Büro des Neuen: HALT! Ich drehte mich um und sah ihn mit krebsrotem Gesicht hinter seinem Schreibtisch sitzen. Fragend schaute ich ihn an, da kommandierte er auch schon: Sofort wieder rausnehmen! Ich war so verwundert, dass ich ihn ungläubig fragte: Ich soll das Taschentuch... Weiter kam ich nicht. Das ist MEIN Mülleimer! brüllte er.
Wie bitte? Ich schüttelte den Kopf und ging weiter, während er mir noch einige Weisheiten nachrief, die ich nicht erinnere, weil ich das weitere Gebrüll ignorierte. Jemand musste ihm bereits gesteckt haben, dass ich im "bösen" Betriebsrat war. Die Einladung, die wir im schickten, war dann ja wohl für die Katz. Manche Leute kapieren wirklich gar nichts.
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