Oder: Was man aus der Vergänglichkeit eher als aus der Vergangenheit lernen kann
Mein Vater verlor Anfang der 1990er eine Krone, sie fiel ihm buchstäblich nicht vom Kopf, sondern aus dem Mund. Das geschah in der Schweiz, wo mein Vater, ein leidenschaftlicher Kletterer, in jenem Sommer Urlaub machte. Um diesen nicht verkürzen zu müssen, begab er sich zu einem Zahnarzt, der freundlich aber bestimmt 100 Schweizer Franken verlangte, damals sogar noch mehr als 100 D-Mark. Zugegebenermaßen war er kein Halsabschneider, dieser Zahnarzt, denn er erwähnte beiläufig, dass ein Kleber in Apotheken erhältlich sei, falls er, also mein Vater, selbst Hand anlegen wolle. Er empfehle dies aber nicht, da nur ein Facharzt wie er dafür sorgen könne, dass der Zahn noch bis an sein Lebensende, also das meines Vaters, halten möge. Leidvoll kann ich berichten, dass mein Vater vom Zahnarztstuhl aufstand und sich schnurstracks auf den Weg zur nächsten Apotheke machte, wo er für ein Zehntel der Kosten einen Kleber erwarb und sich vom Apotheker noch völlig kostenlos einen Spiegel vorhalten ließ, woraufhin er die Krone bombenfest verklebte. Er bestieg noch einen Dreitausender damit und war rundum zufrieden. Leidvoll berichte ich deshalb, weil die Festigkeit der Krone tatsächlich, entgegen des Urteils des Zahnarztes, auch ohne Facharzt bis zum Lebensende meines Vaters hielt, der, noch keine Siebzig, zwei Winter später verstarb. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen, einfach so. Aber eines weiß ich genau, dass er sich nämlich, so war er nun mal, garantiert tot geärgert hätte, wenn er das gewusst und tatsächlich die 100 Franken gezahlt hätte.
(c) 2023
Mit ergebenstem Dank an die
Genialität von Heinz Erhardt:
Bin nicht mal er...