Monday, April 27. 2026
Der Hund
Vor einigen Jahren machte ich Urlaub mit einer Freundin in der Stadt Erzincan in Ostanatolien. Die Freundin stammt aus einem der Dörfer in den Bergen, die das Tal umgeben. Wir hatten bereits am Vortag ihren Onkel und ihre Tante besucht und wollten an jenem Tag noch einmal dort hin, weil der Onkel Geburtstag hatte. Auf dem Weg zum Dorf trafen wir an einer kleinen Wegekreuzung gleich auf mehrere Gruppen von mehr oder weniger nahen oder entfernteren Familienmitgliedern, die alle als Gratulanten entweder auf dem Hinweg oder bereits auf dem Rückweg waren. Es gab ein großes Hallo zwischen allen, die sich teilweise länger nicht gesehen hatten, und eine ebenso große Freude, dass sie alle hier so zufällig auf einander trafen. Dieser Umstand, der so schicksalshaft wirkte, brachte nach und nach alle auf die Idee, ein Gruppenfoto anfertigen zu lassen, und ich bot mich gern an, dieses Foto zu machen. Alle versammelten sich so, dass jede und jeder von ihnen zu sehen sein würde, und ich wollte gerade zum Klick übergehen, als ein riesiger, schlohweißer Hund von stattlicher Gestalt sich zu der Gruppe gesellte. Er wedelte freundlich mit der großen Rute und schmiegte sich sofort an einen der jüngeren Counsins meiner Freundin, der vorne, in der Mitte der Gruppe, stand und ihn willig zu streicheln begann. Niemand schien sich über das Tier zu wundern oder sich an ihm zu stören und so machte ich das Foto, auf dem alle, inklusiv des Hundes, fröhlich in die Linse blickten. Als wir fertig waren, fragte ich den Cousin in meinem gebrochenen Türkisch, ob das sein Hund sei, der noch immer nicht von seiner Seite wich. Aber er lächelte und schüttelte den Kopf. Er habe das Tier nie zuvor gesehen. Auch keiner der anderen Anwesenden konnte sich eine Reim darauf machen, wo der Hund herstammte. Während alle noch verwundert darüber rätselten, sagte ein entfernter Onkel meiner Freundin scherzend, dass es vielleicht sein Vater sein könne, der immer gern Hunde gehabt hatte, und das würde auch erklären, warum das Tier zentral ins Bild wollte, wie er es auch von seinem Vater stets gewohnt war. Alle Anwesenden lachten, und in just diesem Moment kam der Hund abhanden. So schnell wie er gekommen war, war er auch wieder verschwunden, sodass niemand aus Gruppe sich auch nur erinnern konnte, in welche Richtung er wieder fortgelaufen war. Der Cousin, der den Hund gestreichelt hatte, und der zu jener Zeit in Erzincan lebte, versprach, das Rätsel lösen zu wollen und herauszufinden, von wo das schöne Tier gekommen war. Er konnte es jedoch nie herausfinden, und der Hund wurde auch von anderen Verwandten nie wieder gesehen. Außer auf dem Bild, das ich damals machte, gab es nie wieder eine Spur von ihm.
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